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Aktenzeichen:

StA Wien (037), 608 St 22/13s

Veröffentlicht durch:

OStA Wien (038), 12 OStA 30/20v

Bekannt gemacht am:

26.03.2021


Entscheidungsdatum:

14.01.2021

Einstellungsgründe

§ 190 Z 1 StPO
§ 190 Z 2 StPO


Gegenstand dieses Ermittlungsverfahrens waren diverse Malversationen in Zusammenhang mit der Vergabe des Auftrags zur Umstellung auf ein digitales Behördenfunksystem durch das Bundesministerium für Inneres (idF kurz BMI) im Jahr 2004 an das Bieterkonsortium T*** (M***, A*** und T*** A***). Dabei handelt es sich um - in Zusammenhang mit der Vergabe stehende - Korruptionsvorwürfe, Zahlungen der Gesellschaften des Konsortiums an diverse Unternehmen für vermeintliche Beraterleistungen, den Weiterfluss dieser Gelder an dem Innenministerium nahestehende Personen und Vorwürfe der falschen Beweisaussage in einem Untersuchungsausschuss.

Konkret wurde nachstehenden Personen die Begehung folgender Delikte vorgeworfen:

DI H***-J*** W*** stand im Verdacht als leitender Angestellter bzw. vertretungsbefugtes Organ von Gesellschaften des M***-Konzerns im Zeitraum März 2004 bis April 2008 in Wien seine ihm durch Rechtsgeschäft eingeräumte Befugnis, über fremdes Vermögen, nämlich jenes der genannten Gesellschaften, zu verfügen, wissentlich missbraucht haben, indem er Zahlungen veranlasste, denen keine wirtschaftlich werthaltigen Leistungen gegenüberstanden, und zwar

a./ Zahlungen im Ausmaß von gesamt 2.205.502,31 Euro, an A*** M***-P*** bzw an die diesem zuzurechnenden Unternehmen M*** B*** Kft. (Ungarn), M*** Prague s.r.o (Tschechien), M*** Handels GmbH (Wien) und V*** I*** S.A.;

b./ Zahlungen im Ausmaß von insgesamt 96.467,87 Euro an Mag. V*** K*** bzw. die V*** K*** GmbH;

wodurch dem M*** Konzern jeweils ein Vermögensnachteil im zuvor genannten Ausmaß zugefügt wurde (§ 153 Abs 1 und 3 zweiter Fall StGB).

A*** M***-P*** stand im Verdacht, zu den vorgenannten Handlungen des H***-J*** W*** durch Ausstellung von Scheinrechnungen und Einreichung von vermeintlichen schriftlichen Leistungsdokumentationen an den M*** Konzern beigetragen zu haben (§§ 12 dritter Fall, 153 Abs 1 und 3 zweiter Fall StGB). Überdies soll A*** M***-P*** die ihm bzw. den ihm zurechenbaren Gesellschaften zugeflossenen Geldbeträge zur Bestechung von Amtsträgern in der Ausschreibung des Projekts für ein digitales Behördenfunksystem verwendet haben (§ 307 Abs 1 StGB idF BGBI I 1998/153).

Dr. C*** U*** stand in diesem Zusammenhang im Verdacht, als ehemaliger Kabinettschef im BMI und Berater des Innenministeriums betreffend das Projekt für ein digitales Behördenfunksystem leitende Angestellte bzw. organschaftliche Vertreter von Gesellschaften des T*** Konsortiums aufgefordert zu haben, A*** M***-P*** als Berater zu engagieren und an diesen bzw. diesem zurechenbare Gesellschaften Zahlungen ohne wirtschaftlich werthaltige Gegenleistungen zu tätigen, um den Zuschlag in der Ausschreibung des Projekts für ein digitales Behördenfunksystem zu erhalten (§§ 12 zweiter Fall, 153 Abs 1 und 3 zweiter Fall; § 307 Abs 1 StGB idF BGBI I 1998/153).

Darüber hinaus soll er zumindest Teile der oben dargestellten an A*** M***-P*** geflossenen Geldbeträge in einem 50.000 Euro übersteigenden Betrag an sich gebracht haben, indem er durch Ausstellung von Scheinrechnungen an die zwischen ihm und die M*** Handels GmbH Wien geschaltete K*** M*** C*** GmbH ihre Weiterleitung an die in seinem Eigentum stehende C*** C*** GmbH veranlasst habe (§ 165 Abs 1, 2 und 3 erster Fall StGB idF BGBI I 2007/109).

Zuletzt wurde ihm auch vorgeworfen, am 5.6.2012 als Auskunftsperson vor dem Parlamentarischen Untersuchungsausschuss zur Klärung von Korruptionsvorwürfen des Österreichischen Parlaments falsch ausgesagt zu haben, indem er wahrheitswidrig behauptete, er habe nie Geschäftsbeziehungen zu A*** M***-P***, einer seiner Firmen oder M*** gehabt (§ 288 Abs 1 und 3 erster Fall StGB).

Weiters stand Mag. M*** K*** im Verdacht, oben genannte Geldbeträge ihrerseits zuvor durch Ausstellung von Scheinrechnungen und Stellung entsprechender Forderungen namens der ihr zuzurechnenden K*** M*** C*** GmbH an die M*** Handels GmbH Wien an sich gebracht zu haben (§ 165 Abs 1, 2 und 3 erster Fall StGB idF BGBI I 2007/109).



 

Ebenso stand Mag. V*** K*** im Verdacht zu den Untreuehandlungen der in diesem Ermittlungsverfahren beschuldigten leitenden Angestellten der T*** A***, A***, M*** und T*** GmbH durch Ausstellung von Scheinrechnungen und Einreichung von vermeintlichen schriftlichen Leistungsdokumentationen beigetragen zu haben (§§ 12 dritter Fall, 153 Abs 1 und 3 zweiter Fall StGB).

Sie soll weiters am 21.6.2012 als Auskunftsperson vor dem Parlamentarischen Untersuchungsausschuss zur Klärung von Korruptionsvorwürfen des Österreichischen Parlaments falsch ausgesagt haben, indem sie wahrheitswidrig angab, sie habe ihre Tätigkeit für M*** erst begonnen, als Dr. C*** U*** nicht mehr mit dem Projekt befasst gewesen sei, seine Beratertätigkeit für das BMI habe nichts mit ihrer Arbeit für M*** zu tun gehabt, sie habe sich mit ihm in London rein privat getroffen und beim gemeinsamen Essen mit DI H***-J*** W*** sei nicht über das gegenständliche Projekt gesprochen worden (§ 288 Abs 1 und 3 erster Fall StGB).

Nach den Ergebnissen der durchgeführten Ermittlungen (Aussagen von Zeug*innen, eingeholte Gutachten der Sachverständigen K*** und J***) kann nicht mit der erforderlichen Sicherheit ausgeschlossen werden, dass den angeführten Zahlungen keine entsprechenden werthaltigen Leistungen zugrunde liegen.

Die Beauftragung von Beraterleistungen, Studien, Recherche- und PR-Tätigkeiten sowie von Lobbyingmaßnahmen an sich begründet selbstredend noch keinen Befugnismissbrauch iSd § 153 StGB. Ein solcher läge erst darin, entweder einen Auftrag an eine Person oder ein Unternehmen zu vergeben, von der/dem der Beschuldigte bereits weiß, dass sie/es die vereinbarten Leistungen nicht erbringen, jedoch fakturieren wird ("Scheinrechnungen") oder Zahlungen an derartige Auftragnehmer zu veranlassen, denen keine werthaltige Leistung gegenübersteht. Nach aktueller Rechtsprechung begründet auch aktive Korruption durch einen Machthaber für sich allein noch keinen Befugnismissbrauch iSd § 153 StGB, nämlich dann nicht, wenn ein kausal mit der Vertretungshandlung verknüpfter im Austauschverhältnis stehender Vermögenszuwachs für den Machtgeber erzielt wird (OGH vom 26.2.2019, 17 Os 8/18g). Würde man davon ausgehen, dass die an die M***-Gesellschaften und V*** bezahlten Geldbeträge eine Remuneration des A*** M***-P*** für Schmiergeldzahlungen im "B**"-Ausschreibungsverfahren darstellten, so waren diese Korruptionsvorgänge insofern werthältig, als sie zu einem Zuschlag des Projekts an das T***-Konsortium führten, womit ein die Kosten weit übersteigender Nutzen verbunden war. Ob die M***-internen Compliance-Richtlinien, die ihren Mitarbeitern Korruptionshandlungen untersagen, dem Vermögensschutz des Unternehmens dienen, kann insofern dahingestellt bleiben, als jedenfalls kein tatbildlicher Erfolg (Vermögensschaden des wirtschaftlich Berechtigten) eingetreten ist und mangels anzunehmender - auf Eintritt eines Vermögensschadens gerichteter – innerer Tatseite auch keine Versuchsstrafbarkeit vorliegt. lnfolge Wegfalls des Verdachts der Untreuetaten sind auch die Geldwäschereivorwürfe gegen Dr. C*** U*** und Mag. M*** K*** mangels nachweisbarer Vortaten obsolet.



 

Ungeachtet der objektiven Voraussetzungen ist die zur Verwirklichung des § 288 StGB erforderliche innere Tatseite bei Dr. C*** U*** im Zweifel nicht nachweisbar. ln eventu liegt auch der Strafausschließungsgrund des § 290 Abs 1a StGB vor. Personen, gegen die sich die Untersuchung richtet, sind nicht strafbar, wenn sie eine falsche Beweisaussage ablegen, um die Gefahr strafrechtlicher Verfolgung von sich abzuwenden. Gegenstand des Untersuchungsausschusses zur Klärung von Korruptionsvorwürfen war unter anderem die Tätigkeit von Lobbyisten, Beratern und Vermittlern im Bereich des Bundesministeriums für Inneres hinsichtlich der Vorgänge rund um die Vergabe der Aufträge für das Behördenfunknetzwerk, die spätere Kündigung der Verträge und die neuerliche Vergabe, sowie die damit in Zusammenhang stehenden Zahlungsflüsse einschließlich allfälliger - direkter oder indirekter – Zahlungsflüsse an Parteien (910/GO XXIV. GP Geschäftsordnungsantrag). Dr. C*** U*** war als Berater des BMI für das T***-Projekt jedenfalls eine der Personen, gegen die sich die Untersuchungen in diesem Sinne richteten. Dass im Zeitpunkt der Falschaussage bereits ein Strafverfahren anhängig ist, verlangt § 290 Abs 1a StGB nicht. Gegen Dr. C*** U*** wurde zirka ein Jahr nach seiner Aussage im Untersuchungsausschuss gegenständliches Ermittlungsverfahren eingeleitet. Dass er bei seiner Aussage danach trachtete, eine drohende strafrechtliche Verfolgung abzuwehren, liegt auf der Hand.



 

Aktive Bestechungshandlungen durch A*** M***-P*** nach § 307 StGB sind nicht nachweisbar, ebenso wenig eine lnvolvierung von Dr. C*** U***. Eine Verurteilung der Beschuldigten liegt aufgrund der durchgeführten Ermittlungen nicht nahe.



 

Auch der Tatverdacht gegen Mag. V*** K*** und H***-J*** W*** wegen (Beitrags zur) Untreue ließ sich nicht mit der zur Erhebung einer Anklageschrift erforderlichen Verurteilungswahrscheinlichkeit erhärten, weitere Ermittlungsansätze sind nicht vorhanden. Ungeachtet des objektiven Wahrheitsgehalts der durch Mag. V*** K*** im Untersuchungsausschuss getätigten Aussage kommt auch ihr der Strafausschließungsgrund des § 290 Abs 1a StGB zugute. Als Dienstleisterin in Zusammenhang mit dem T***-Projekt war sie jedenfalls eine der Personen, gegen die sich die Untersuchungen richteten. Dass sie ihre Aussagen tätigte, um der Gefahr strafrechtlicher Verfolgung zu entgehen, ist naheliegend, zumal gegen sie wenige Wochen nach ihrer Aussage im Untersuchungsausschuss gegenständliches Ermittlungsverfahren eingeleitet wurde.



 

Die Einstellung der Ermittlungsverfahren

gegen A*** M***-P*** wegen §§ 12 dritter Fall, 153 Abs 1 und 3 zweiter Fall StGB; 307 Abs 1 StGB idF BGBI I 1998/153,

DI H***-J*** W*** wegen § 153 Abs 1 und 3 zweiter Fall StGB,

Mag. M*** K*** wegen § 165 Abs 1, 2 und 3 erster Fall StGB idF BGBI I 2007/109,

Dr. C*** U*** wegen §§ 12 zweiter Fall, 153 Abs 1 und 3 zweiter Fall; 165 Abs 1, 2 und 3 erster Fall StGB idF BGBI I 2007/109; § 288 Abs 1 und 3 erster Fall StGB; § 307 Abs 1 StGB idF BGBI I 1998/153,

Mag. V*** K*** wegen §§ 12 dritter Fall, 153 Abs 1 und 3 zweiter Fall StGB

erfolgten jeweils gemäß § 190 Z 2 StPO,

sowie gegen Mag. V*** K*** in Ansehung des Vorwurfs nach § 288 Abs 1 und 3 erster Fall StGB gemäß § 190 Z 1 StPO (aus dem Grunde des § 290 Abs 1a StGB)



 

am 14. Jänner 2021. Die Einstellungen sind rechtskräftig.